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Freitag, 31. Januar 2020

Vorwort (2020)

Die auf diesen Seiten präsentierte Recherche über die Familie Kaempfer betrifft nicht nur die Menschen, sondern auch die Orte und Zeiten, in denen sie gelebt haben: Als „historische Hauptstadt Großpolens“ (1) war das tausendjährige Poznań ab der 1. Polnischen Teilung (1772) einem stetigen Wandel ausgesetzt, da es bei Ende der Napoleonischen Kriege (1815) zur Metropole der preußischen, dann deutschen Provinz Posen avancierte, nach dem „Großen Krieg“ und den Freiheitskämpfen wieder an Polen ging, während des 2. Weltkrieges von Nazideutschland besetzt wurde und seit 1945 Teil der Polnischen Republik ist. Zur preußisch-deutschen Zeit existierten dort mit- oder nebeneinander drei Bevölkerungsgruppen: die katholische Mehrheit der polnischen Einwohner, eine zunehmende Anzahl an deutschen Protestanten und die schon seit dem 13. und 14. Jahrhundert ansässige Minderheit jüdischen Glaubens.

Nach der überlieferten, jedoch nicht durch Urkunden belegten Familiengeschichte (2) kam der „Fuhrknecht“ Adolf Phillip Kaempfer (1744-1817), Sohn des im Raum Stralsund ansässigen „Bauern und Gutsverwalters" Johann Kaempfer (1689-1756) (3), von „Schwedisch Pommern“ nach Posen, konvertierte im Jahr 1779 zur jüdischen Religion durch seine Heirat mit Sarah Wendel (1756-1801) und befasste sich fortan mit „Tuch- und Spezereiwaren“ [siehe dazu: Mutmaßungen über die Ursprünge]. Zahl und Namen der Nachkommen dieser Ehe bleiben zu ermitteln: Beim jetzigen Stand der Untersuchung gehe ich allerdings davon aus, dass alle Kaempfers, die vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert in der jüdischen Gemeinschaft der Provinz Posen gelebt haben, in verwandtschaftlicher Beziehung zueinander stehen. Bislang kenne ich vier Zweige:
  • Cohn Kaempfer (1821-1901), Sohn von Henriette geb. Loewe (1787-1841) und Jacob Kaempfer (1786-184?) ist ein Enkel von Sarah und Adolf Phillip.
  • Eine weitere Linie führt über Isaak (*1833) und Helmine geb. Lewinsohn (1842-1889) (4) zu Georg Kaempfer (1883-1942), der mit seiner Frau Herta geb. Bergheim (*1893 in Schwerenz) und den beiden Töchtern Evelyne (*1922) und Marion (*1925) in Sobibor umgebracht wurde. Dieses durch Zufall entdeckte Ereignis aus einer vergangen geglaubten Zeit gab den Ausschlag für die vorliegende Recherche. In der Folge erfuhr ich, dass auch Georgs - mit Sigismund Deutsch verheiratete - Schwester Hedwig (1871-1942) sowie ihr Sohn Hellmuth (*18.12.1894 in Breslau) nach Theresienstadt deportiert und ermordet wurden.
  • Ein dritter Zweig führt zu Paul Kaempfer (1836-1919), dessen verwandschaftliche Beziehung zu Cohn und Isaak zu ermitteln wäre [siehe dazu die Posener Adressbücher]. Wie ich erst vor kurzem erfahren habe, wurde Sohn Gustav (1864-1943) mit seiner Gattin Paula geb. Mottek (*1873) von Oppeln nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Auch Käthe geb. Ledermann (1881-1943), die mit Pauls anderem Sohn Felix (1869-1920) verheiratet war, wurde in Auschwitz umgebracht.
  • Aus der Ehe von Sarah und Louis Kaempfer gehen zwei in Wreschen geborene Söhne hervor, die sich früh in Amerika etabliert haben: Jacob (*1845) kam anscheinend schon 1861 in New York an und Max (*1848) folgte im Juni 1871 (über Australien) (5).

Donnerstag, 9. Januar 2020

Der Fall Ludwig (1901-1947)


Die Eltern und Verwandten
 

Ludwig ist der Sohn von Paula geb. Mottek (*10.7.1873, Wronke) und Gustav Kaempfer (*29.8.1864, Posen). Auf seiner Heiratsurkunde von 1896 wird Gustav als "praktischer Arzt" angeführt. Dort liest man auch, dass er seinen Wohnsitz seit Oktober 1884 in Berlin hat (1). Zu dieser Zeit war er erst 20 Jahre alt und studierte sehr wahrscheinlich Medizin in der Hauptstadt. Allerdings hat er seine Doktorarbeit und wohl auch einen Teil seines Studiums in Würzburg absolviert. Seine Dissertation - Ein Fall von Lymphangiom der Wange (Macromelie) - ist dort im Jahr 1888 vorgelegt worden. Nach dem einzigen verfügbaren Adressbuch der Stadt Oppeln (Opole) hatte der Arzt und Sanitätsrat Dr. med. Gustav Kaempfer seine Praxis 1936/7 in der Sternstraße 3 (heute ul. Reymonta):

 

Gustavs Vater Paul (*16.4.1836, Wreschen) stirbt im Mai 1919 vermutlich in Posen, wo er 1862 als Buchhalter, später als Kommissionnär und Kaufmann (Getreide), zuletzt 1917 als Rentier in den Adressbüchern  erscheint (2). Gustavs Mutter Pauline geb. Gensler (*5.10.1848, Posen) (3) stirbt am 13.8.1891 in Berlin. Von ihr  habe ich folgende Verwandte gefunden [hier].


Gustav hatte zwei Geschwister: Sein Bruder Felix (*29.5.1869, Posen) erscheint ebenfalls noch bis 1917 als Justizrat und Rechtsanwalt in den Posener Adressbüchern; die Urkunden verzeichnen seine Abreise nach Berlin am 7.12.1919 (4). Seine Schwester Martha (*15.5.1873, Posen) war mit Hugo Krebs verheiratet und hatte zwei in Berlin geborene Kinder: Edgar (*23.1.98) und Paula (*28.7.99).