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Samstag, 11. Januar 2020

Johanna und die Berliner

 Johanna
 

Johanna Herrmann, geborene Kaempfer, ist am 9. Dezember 1890 in Posen als jüngstes Kind von Anna und Louis Kaempfer zur Welt gekommen und somit eine Cousine meines Großvaters Hans Kaempfer (*21. Dezember 1896, Braunschweig). Über die Volkszählung vom 17. Mai 1939 erfahre ich, dass sie in der Kissinger Straße 9, in Berlin-Schmargendorf (Wilmersdorf), gemeldet war (1). Drei Jahre später, am 28. März 1942, wird sie mit ihrem Gatten Erich Herrmann (*6.2.1878, Berlin) ins Ghetto von Piaski bei Lublin deportiert (2). Dort oder im Vernichtungslager Belzec wurden beide zu einem unbestimmten Zeitpunkt umgebracht. Soviel ich weiß, hat in meiner Familie nie jemand ein Wort über ihr Schicksal verloren. Ich kann jedoch nicht glauben, dass mein Großvater, der seit 1934 in Berlin lebte, von ihrer Existenz und den damit zusammenhängenden Gefahren gewusst hatte, ohne je darüber zu sprechen oder ihr zu helfen. Aber auch das Gegenteil ist schwer zu begreifen: Mein Großvater musste doch seinen Onkel Louis, den Bruder seines Vaters David, und folglich auch seine Tochter Johanna gekannt haben. Warum also wurde sie nie erwähnt? Haben meine Leute – auch nach dem Krieg – nicht erfahren, dass unsere Cousine Johanna von den Nazis ermordet wurde?


Louis und seine Familie


Louis Kaempfer ist am 28. März [!] 1851 als Sohn von Emilie und Cohn Kaempfer in Posen geboren. (3). Er  heiratet Anna Heilbronn am 26. Juli 1882. Ab 1876 erscheint er in den Posener Adressbüchern, zuerst als „Handlungs-Kaufmann“, in der Breslauer Str. 35 bei seinen Eltern, 1886 als Inhaber einer „Weißwarenhandlung“ am Alten Markt 91, zuletzt 1894 als „Kaufmann u. Eigentümer“ in der St.-Martinstr. 33. Am 5. Oktober 1896 ziehen Louis und Anna mit ihren Kindern Hans (*1883), Richard (*1884), Emil (*1889) und Johanna (*1890) nach Berlin. Dort wohnen sie in Charlottenburg, zuerst in der Pestalozzistr. 92a, dann in der Witzlebenstr. 12a, wie wir aus den Berliner Adressbüchern [BAB][hier] erfahren. Im Jahr 1910 handelt er anscheinend mit "Bürsten und Scheuertüchern en gros" in der Kaiser-Friedrich-Straße 57 und ist telefonisch unter CH-6560 zu erreichen. Die Söhne Richard und Emil verlassen das Elternhaus vielleicht noch vor, aber spätestens nach dem 1. Weltkrieg. Nur der älteste Sohn Hans [!] lebt noch lange bei den Eltern, denn er wohnt mit seiner verwitwete Mutter noch um 1933 in der Witzlebenstraße.

Zusatz: 1929 wohnt auch die am 5. Mai 1898 geborene jüngste Tochter Margarethe bei den Eltern in der Witzlebenstraße, wie wir dem "Jüdischen Adressbuch für Gross-Berlin" (Ausgabe 1929/30) entnehmen können [hier].


Margarethe überlebt, denn wir finden sie als verheiratete Frau Enterlein nach dem Krieg in Hamburg wieder (siehe: Emil und der Kaempferspecht).
Im "Jüdischen Adressbuch" des Jahres 1931 [hier] erscheinen neben Louis' Gattin Anna auch Felix' Ehefrau Käte und Sohn Heinz:

Wie mir gesagt wurde, wandern beide rechtzeitig nach Holland aus. Heinz überlebt mit seinem Sohn Raymond (*1940), der mir diese Information gegeben hat. Ich lese nun auf zwei holländischen Datenbanken [hier] und [dort], dass Käthe geb. Ledermann am 19.11.1943 in Auschwitz ermordet ist. Felix erscheint zwar dort auch, aber er ist nach dem Umzug aus Posen schon bald in Berlin gestorben.

Hans und seine Familie


Als mein Großvater und seine Ehefrau Lisa geb. Rupp mit den Kindern Wolfgang (*1923), Renate (*1925) und Edith (*1927) 1934 in die Hauptstadt kommen, ist der Onkel Louis schon nicht mehr am Leben, und die verwitwete Anna erscheint 1933 zum letzten Mal im BAB. Friedrich Schrader, der Gatte von Hans' Schwester Susanne, besorgte David und seinen Nachkommen den sogenannten "Ariernachweis". Er war natürlich gefälscht: Cohn wurde in John umgetauft [!] und die Ehe mit Emilie lief nunmehr unter  evangelisch-lutherischen Vorzeichen. Damit war das Überleben der Familie in dieser Hinsicht gesichert. - Hans überwinterte im Schöneberger Rathaus als kleiner Beamter, dem Vernehmen nach als Zuständiger für die "Hundesteuer". Er bestand jedoch darauf, im Berliner Adressbuch bis 1943 als Schriftsteller zu erscheinen. Im gleichen Jahr erteilte ihm die  Reichsschrifttumskammerer "Schreibverbot", da "pazifistische Tendenzen" in seinem Roman Daniele Dorer (Rowohlt 1941, 2. Aufl. 1942) zu erkennen seien.  - Die fünfköpfige Familie wohnte in einem Mietshaus des Bayerischen Viertels, in der Luitpoldstr. 36, wo auch deutsche Familien jüdischer Abstammung lebten und in einer Oktobernacht des Jahres 1942 in Lastwagen abtransportiert wurden. Durch Zufall wurde Hans, spät abends heimkehrend, Zeuge der Aktion. Er hält die Szene in einem unveröffentlichen Roman fest (4). Nach eigener Aussage war er von der Brutalität des Vorgangs und seiner eigene Ohnmacht dermaßen geschockt, dass er erst nach dem Krieg über den Vorfall sprechen konnte. Das wäre sowohl ein Argument, um zu bezweifeln, dass er von Johannas Schicksal erfahren hat, ohne etwas darüber zu sagen oder zu schreiben, als für das Schweigen über etwas, das einem die Sprache verschlagen hat. Trotzdem kann ich mir nicht erklären, wie eine solche Abschottung möglich war. Gab es einen Bruch zwischen den Brüdern David und Louis, der auch die verwandschaftlichen Beziehungen der Kinder unterbunden hat?


Freitag, 10. Januar 2020

Berlin, Oktober 1942

Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung (*)

von Hans Kaempfer


In einer lauen Oktobernacht des Jahres 42 ging ich nach einer kurzen U-Bahnfahrt zu Fuß in meine Wohnung heim. Vom Bayrischen Platz aus durch die Speyerer Straße hatte ich gut zehn Minuten. Ich war allein. Meine Frau hatte Wagners Götterdämmerung (1) nicht hören wollen. Ihre Opposition erstreckte sich im Gegensatz zu meiner freisinnigen Anschauung auf alle Kunstdarbietungen, die das Regime als Vorspann für seine Ziele benutzte. Ob der Gedanke daran mich bewegte, kann ich nicht sagen, doch bedrückte mich in der nächtlichen Stille ein unklares Schuldgefühl. Daß ich die Einladung eines befreundeten, von der "Bewegung" merklich angekränkelten Musikkritikers (2) zu einem Gläßchen Wein angenommen und lange mit ihm zusamnmengesessen hatte, könnte eher der Grund gewesen sein. Der Kollege, erheblich jünger als ich, erzählte in einem Ton unglaubhaften Entsetzens von einer Informationsreise Berliner Redakteure in das besetzte Polen, wo ihnen der berüchtigte Gouverneur Frank schamlos offene Einblicke in sein brutales Regiment und seine 'einmalig wirksamen Justizmethoden' gegeben hatte. An den Pforten des Warschauer Gettos war den prominenten Kulturbeauftragten gezeigt worden, wie "hoffnungslos dieses Elendsvolk von Renegaten verraten und verkauft und offensichtlich nichts Besseres wert war als die Massenliquidationen der schwarzen und braunen Büttel". Ich war mir mit dem Zechkumpan einig gewesen, daß Gouverneur Frank ein Bluthund und Schänder des deutschen Namens sei. Doch merkte ich wohl: der Musikkritiker war seelisch ziemlich unangefochten von seiner Höllenfahrt zurückgekehrt. Die geharnischte Verurteilung, die sein Chef (3) nach Anhörung des ungeheuerlichen Reiseberichts aussprach, hatte dem Musikreferententen "außerordentlich imponiert", besonders die gewagte Prophezeiung, solche Ausschreitungen würden gewiß nicht ungesühnt bleiben. Ich hatte dem Kollegen von der Musik nicht darin zugestimmt, im Zeitalter der Verrmassung und der praktisch notwendigen Gewaltenteilung müsse die ressortmäßige Verantwortung ebenso teilbar sein. Doch war mein Widerstand bei seinem weinseligen Gerede schmählich erlahmt.
     Aber nein, eine andere verborgene Ursache störte mich beim Gang durch die menschenleeren Straßen. Meine zittrige Unruhe wuchs zu beklemmender Vorahnung, begabte mich zu einer krankhaft überreizten Hellhörigkeit. Ich meinte, in den hohen Miethäusern der Straßenzeile ein Rumoren zu vernehmen. Und es kamen etliche, hitzig tuschelnde Menschen zu zweien oder mehreren an mir vorbei. Die starrten mich musternd an und blickten mir anzüglich nach, so, als ob mein nächtliches Wandern gänzlich ungehörig sei. Es konnte eine der häufigen Razzien im Gange sein. Die Stunden nach Mitternacht wurden mit Vorliebe für die zwielichtigen Fahndungen der allgegenwärtigen Polizeigarden gewählt. In die breite Luitpoldstaße einbiegend, sah ich zu beiden Seiten Möbelwagen stehen. Ich glaube, es waren drei. Auch vor unserem Haus stand einer, und mir fiel ein: wir befanden uns im Bayrischen Viertel, den von Juden bevorzugten Ortsteil. In unserem Haus wohnten allein drei jüdische Familien mit Kindern. Mit dem Opernregisseur Lazarus (4), zwei Stockwerke über uns, waren wir gut bekannt. Unsere Kinder hatten eine Zeitlang mit den beiden Töchtern freundschaftlich verkehrt. Eva, die ältere, eine vielbewunderte blonde Schönheit, die einmal in der Bahn von einem gesetzten Herrn als Muster des deutschblütigen Mädchens belobt worden war, worauf die Mutter kalt pariert hatte, ihre Eva sei hoffnungslos jüdisch, war vor einem Jahr nach Palästina entronnen. Aber der musikbesessenen Herr Lazarus fühlte sich den Deutschen und uns Berlinern voran gänzlich zugehörig. Als Heine-Verehrer hatte für ihn das Deutsche Reich ewigen Bestand. Er repetierte noch jetzt eifrig doch unerlaubt mit den Sängern der Staatsoper in seiner Wohnung und dachte nicht ans Auswandern, hatte es wohl auch längst verpaßt, hätte die hohe Gebühr für das englische affidavit sicher nicht mehr aufgebracht.
      Ich dachte dies alles, bevor noch das nächtliche Geschehen Gestalt annahm. Ich entdeckte dann: der Möbelwagen war von braunen Uniformierten bewacht. Um einen verspäteten Umzug handelte es sich also nicht. Die vage Idee baute ein paar Sekunden meinem Schrecken vor: in Berlin war von jeher das Unglaublichste möglich. Auch bei meinem fluchtartigen Umzug aus der Provinz (5) war der Möbelwagen erst nach Mitternacht vor unserem Haus erschienen und die Packer hatten unverschämte Trinkgelder aus meinem letzten Geldvorrat erpreßt. Nein, bei Gott, dies war aber kein Umzug von Haus zu Haus.
     Jetzt kam der alte Herr Gumpel (6) vom dritten Stock des Gartenhauses aus der Tür zur Straße, der Literat, dessen krampfhafte Hoffnungen auf Hitlers baldigen Sturz ich noch kürzlich bei einem Gespräch auf der Treppe in törichter Weise bestärkt hatte. An einem schweren Koffer mehr zerrend als schleppend taumelte er auf den Gehsteig. Total erschöpft setzte der alte Mann den Koffer auf dem Pflaster ab. Ich stand auf der anderen Straßenseite, nahe bei einer Laterne. Er hob eine Hand gegen mich, es war ein kurzes Winken. Sein Blick sprach von keinem Vorwurf. Ich nickte ganz schwach zurück, in dem bleichen Licht konnte es kaum zu sehen sein. Ich traute mich nicht, hinüberzugehen, mich zu dem "Judenhaus" zu bekennen. Doch eine der Wachen lief zu mir hin und fragte mich barsch, was ich hier zu suchen hätte. Ich sagte: ich wohne dort. Und der Braune fuhr mich an, wo ich mich mitten in der Nacht herumtreibe ? ob ich vielleicht auch Jude sei ? Nein, stammelte ich. In diesem Moment wünschte ich mir wahrhaftig einer zu sein (7). Ich dachte an Roland Engelhardts tragisches Trotzbekenntnis (8). Aber das war nur einer der vielen frommen Wünsche, die wie brüchige Herbarienpflanzen in unserem Gehirn eingepreßt sind. "Nein", sagte  ich entschieden und zeigte bereitwillig meinen Ausweis vor, aus dem meine Behördentätigkeit hervorging. Der Braune fuhr mich erneut an, warum ich dann nicht ins Haus ginge und hier 'Maulaffen feilhalte'. Ich überquerte darauf die Straße, genau in dem Augenblicke, als Herr Lazarus mit seiner Frau und der zwölfjährigen Ursel aus der Haustür kamen. Das Kind schluchzte still vor sich hin. Herr Lazarus streifte mich mit einem Blick, nicht so langsam, daß ich aus ihm hätte lesen können, und doch so haftend, dáß ich seinen Gedanken brennen fühlte wie die Glut aus einer Vernichtungskammer: Ich habe mich also in euch getäuscht, dachte der Korrepetitor des Ensembles der Deutschen Staatsoper.
     Ich konnte noch nicht gleich ins Haus gehen. Die Büttel scheuten sich sekundenlang das weinende Kind vorwärtszustoßen Der Weg zur Haustür war solange versperrt, bis Frau Lazarus die Tochter durch eine Umarmung getröstet hatte. Dann fiel ihr Blick auf mich. In diesen Tagen hatte mir meine Frau bekümmert gesagt, sie verstehe nicht, warum Frau Lazarus auf einmal so abweisend gegen sie sei, wo wir doch alles getan hatten, unsere judenfreundlichen Gefühle zu zeigen. Wir hätten doch geradezu waghalsig unsere Teilnahme bewiesen, wären sogar auf der Straße bei ihnen stehengeblieben, und die Ursel hätte immer zu unseren Kindern kommen können. Und doch traf mich jetzt Frau Lazarus' Blick voller Abscheu. Kein Aufschrei des Fluches hätte seine Beredsamkeit zu überbieten vermocht. Blicke sind so wenig zu beschreiben wie das Wirken eines Blitzes, der einen ohnmächtig hinstreckt. Doch in unserer größten Not vermögen wir Augenblitze von unfehlbarer Gerechtigkeit zu schleudern: 'Warum rufst du nicht, du elend-feiger Christ, haltet ein, ihr Mörder, bei allen guten Geistern !'
     Ja, ich wußte, ich war dann ein toter Mann. Bequeme Entschuldigung: auch Petrus bekannte sich nicht zu Jesus, als die Angst um sein Leben ihn umklammert hielt. 'Ich kenne den Menschen nicht', sagte er zu den Mägden. Erst als der Hahn dreimal krähte, besann er sich, weinte und ward zum Märtyrer.
      Wo aber waren meine - unserer Tränen, als der Völkermord zum Himmel schrie, die Ausrottung der erwählten Rasse, deren Heilige den lebendigen Gott entdeckt und die Fackel der Erkenntnis von Jerusalem bis Thule vorangetragen hatten ? – Ich herrschte die braunen Häscher nicht an, hieb keinem von ihnen ein Ohr ab. Setzte mich nicht der geringsten Gefahr aus. Mit dem Amtsausweis in der Tasche stand ich an den sicheren Gestaden des Höllenflusses und blickte mit Millionen Versklavter in gemäßigter Erschütterung auf das schwärzlich-rote Gewässer, dessen blutiger Schaum zu unseren Füßen leckte.
      Ich ging ins Haus, zu Frau und Kindern. Zögernd, viel später sprach ich von dem Schauder jener Nacht.

Samstag, 4. Januar 2020

Zwei Schriftsteller

Hans & Wolfgang

Hans Kaempfer (1896-1974)



Hans Kaempfer (um 1960)

Eintrag in Wikipedia

(Text von Peter Schrader)

Hans Kaempfer (* 21. Dezember 1896 in Braunschweig; † 27. Juni 1974 in Köln) war ein deutscher Schriftsteller und literarischer Übersetzer.

Hans Kaempfer war verheiratet mit Lisa, geb. Rupp und hatte drei Kinder, Renate, Edith und Wolfgang Kaempfer, welcher ebenfalls Schriftsteller wurde. Nachdem er Geschäftsführer eines Marmorsteinbruchs seines Vaters in Weißenburg/Bayern gewesen war und damit im Jahre 1927 Konkurs anmelden musste, lebte er mit seiner Familie bis 1933 in der Braunschweiger Stadtvilla seiner Eltern (in der Spielmannstraße, kriegszerstört, heute Teil des Campus der TU Braunschweig).

1934 ging die Familie nach Berlin, wo sie eine Wohnung in der Luitpoldstraße im sogenannten Bayrischen Viertel in Berlin-Schöneberg bezog und wo Kaempfer als untergeordneter Beamter im Schöneberger Rathaus die NS-Zeit in materieller Hinsicht überstehen konnte. Sein Vater, der promovierte Physiker und spätere Fabrikant David Kaempfer, stammte aus einer Posener Familie jüdischer Konfession. In einer Episode seines unveröffentlichten Romans Die Moabiterin schildert Hans sein Entsetzen über den Abtransport der jüdischen Mitbewohner des Mietshauses im Oktober 1942, darunter die Familie Aron des ehemaligen Korrepetitors der Deutschen Staatsoper mit seiner Frau und seiner zwölfjährigen Tochter, die mit ihren Koffern in Lastwagen verfrachtet und in die Todeslager deportiert wurden.

Donnerstag, 2. Januar 2020

Elemente für einen Stammbaum

Elemente für einen Stammbaum der Posener Kaempfers

Die älteren Generationen

(Geburtsorte: Wreschen in Grün, Posen in Blau, New York / USA in Rot)

Adolph Phillip Kaempfer (1744-1817) heiratet 1779 in Posen Sarah Wendel (1756-1801)
Jacob (1786-184?) oo Henriette geb. Loewe (1787-1841)
---- / ?? / ----
Cohn (1821-1901)
---- / ?? / ----
Louis oo Sarah (*?)
Isaak (1833-1917)
Paul (1836-1919)
Jacob (1845-1906)
Max (1848-1910)
Isaak (*1847-??)
Ulrika (1849-?)
Louis (*1851-?)
Jacob (1853-1929)
Abraham (1855-1932)
Moritz (1857-1922)
David (1859-1940)
Martin (1868-1907)
Hugo (1869-1952)
Hedwig (*1871)
Lucie (*1876-?)
Ludwig (1878-1921)
Georg (*1883)
Gustav (*1864)
Felix (*1869-1920)
Martha (*1873)
Louis J. (*1886)
Louis G. (*1881)
Bertram (*1886)
Jacob C. (*1890)

Die jüngeren Generationen

(Schlesien in Lila - †Ermordung durch die Nazis)

nach Cohn oo Emilie geb. Lachmann (1820-1884)
Ulrika oo
Levi Gurska (*~1834)
Louis oo Anna
geb. Heilbronn (*1856)
Jacob oo Anna geb. Bowman (1860-1941) David oo Marie
geb. Lindwurm (1868-1951)
Carrie (*~1876)
Jerome (*~1878)
Joseph  (*1879)
Arthur (*~1882)
August (*~1883)
Hans (*1883)
Richard (1884-1966)
Emil (*1889)
Johanna (1890-†1942)
Margarethe (*1898)
Emilie (*1885)
Isabella (1887-1966)
Hugo (1890-1979)
Susanne (1893-1976)
Charlotte (1895-1981)
Hans (1896-1974)
Walther (1900-1991)
nach Isaak oo Helmine geb. Lewinsohn (1842-1889)
Hugo oo Florence (*~1884) Hedwig (†1942) oo
Sigismund Deutsch
Georg (†1942) oo Herta (†1942)
geb. Bergheim (*1893)
Clara (*~1913)
Helene (*~1915)
Jane (*~1919)
Helmuth (1894-†1942)
Ruth (*----)
Inge (1915-1977)
Evelyne (1922-†1942)
Marion (1925-†1942)
nach Paul oo Pauline geb. Gensler (1840-1891)
Gustav (†1943) oo Paula (†1943)
geb. Mottek (*1873)
Felix oo Käthe (†1943)
geb. Ledermann (*1881)
Martha oo Hugo Krebs (*1862-†1942)
Ludwig (1901-1947) Heinz M. (1904-1986)
Otto H. (1906-1918)
Edgar (*1898-?1981)
Paula (*1899-†1943)
nach Max oo Sarah Cohn (*~1861)
Louis Gabriel (1881-1930) oo
Adele
geb. Wallach (*1882)
Bertram (1886-1971) oo
Edna
(1900-1979)
Jacob Cohn (1890-1970) oo
Helen geb.
Isselbacher
Joseph Wallach (1909-1970) Ruth (1923?1991) Charles M. (1930-1946)

Mittwoch, 1. Januar 2020

Fazit 2020


Die Ermordeten

Am Anfang dieser Recherche steht die durch Zufall entdeckte Ermordung von Georg Kaempfer, seiner Frau Herta, den beiden Töchtern Evelyne und Marion in Sobibór (†3.6.1942). Dann stellte sich heraus, dass seine Schwester Hedwig und ihr Sohn Helmuth Deutsch (†2.9.1942), sowie die Verwandten Paula und Gustav Kaempfer (†3.10.1943) in Theresienstadt, und Gustavs Schwägerin Käthe Kaempfer geb. Ledermann (†19.11.1943) in Auschwitz umgebracht wurden. Hinzu kommt die Ermordung von Hugo Krebs, der mit Gustavs Schwester Martha verheiratet war, sowie ihrer Tochter Paula (*1899 Berlin): Hugo (*3.8.1862, Tarnowitz) wurde als 80jähriger am 24.9.1942 von Berlin nach Theresienstadt deportiert und Paula, die mit Hans Blumenthal verheiratet, aber wieder geschieden war, wurde am 29.1.1943 nach Auschwitz-Birkenau verschleppt und dort umgebracht. Nicht zuletzt stieß ich auf Johanna und ihren Gatten Erich Herrmann, die am 28.3.1942 mit dem XI, Osttransport von Berlin nach Piaski deportiert und sehr wahrscheinlich im Vernichtungslager Belzec ermordet worden sind. Johanna (*1890) war die Tochter von Anna geb. Heilbronn (*1856) und Louis Kaempfer (*1851), einem Bruder meines Urgroßvaters David, und somit eine direkte Cousine meines Großvaters Hans (*1896) [siehe: .Johanna und die Berliner].

Warum hat ihnen niemand geholfen oder helfen können? –  Die Antwort auf diese Frage, die auch einen möglicherweise unterlassenen Hilferuf einschließt, könnte auf einen Bruch zwischen den Familien hindeuten. Zwar wurden auch nach der „Mischehe“ meiner Großeltern mütterlicherseits die Beziehungen von jüdischer Seite in den 1920er Jahren abgebrochen, jedoch hat man sich zur Nazizeit wieder beigestanden und die jüdischen Verwandten bei der Ausreise nach Schweden unterstützt. Warum also nicht bei den Kaempfers?


 Die Überlebenden

Einige sind dem Naziterror und der Tötungsmaschine entronnen. Sie waren das Licht in der Finsternis dieser Recherche: Der politische Aktivist Richard (1884-1966), der sich mit seiner Frau Hedwig und der Tochter Anneliese nach Paris absetzte, sowie Ludwig Kaempfer (1901-1947), der es nach fast einjähriger Gestapo-Haft in Berlin, Dachau und Buchenwald (1938/39) bis Kanada schaffte, und sein Cousin Edgar Krebs (1898-1981), der sich mit einem Einwanderungsvisum in die USA vom 1.9.1939 ebenfalls in letzter Minute retten konnte. Hinzu kommen die rechtzeitig Ausgewanderten, wie Georgs Bruder Hugo in New York oder Johannas und Richards Bruder Emil in São Paulo, die beide nach dem Krieg noch am Leben waren (1). Hier stellt sich die Frage, warum die Verfolgten nicht emigriert sind.

Dazu sind die einzelnen Situationen zu betrachten:
Georg lebte mit seiner Frau und den drei Kindern in der Stadt Saarbrücken, die noch bis Januar 1935 außerhalb des Machtbereichs der Nazis lag. War er mit Bruder Hugo in Kontakt? Man kann verstehen, dass er sein Geschäft, sein ganzes Hab und Gut nicht einfach für eine ungewisse Zukunft in einem fremden Land aufgeben wollte, vielleicht eine Zeitlang auch wie so viele noch geglaubt hat, dass der "Spuk" vorübergehen werde...
Hedwig lebte 1930 als 59jährige "Rentiere" in der Breslauer Opitzstr. 7 mit ihrem Sohn Helmuth Deutsch und dessen Gattin Hildegard geb. Meier (2). Könnte es sein, dass auch Helmuth eine "Mischehe" eingegangen ist und sich deshalb nach 1935 noch nicht allzu große Sorgen machte? Aber vielleicht hätte auch hier Onkel Hugo bei der Emigration in die USA geholfen? (3) Wohl spielt in dieser Geschichte das Alter eine nicht zu unterschätzende Rolle. 1940, als man gerade noch auswandern konnte, war Hedwig Deutsch fast 70 Jahre alt...
Auch Ludwig Kaempfers Eltern waren schon alte Leute, als sie in Oppeln von der Tötungsmaschine erfasst wurden. Bei ihrer Deportation am 21.4.1943 war Gustav 78 und seine Frau Paula 69 Jahre alt. Ludwig hat sich kurz vor Ausbruch des Krieges nach England absetzen können und ist von dort als "enemy alien" nach Kanada transferiert worden. Bestimmt hatte er sich große Sorgen um seine Eltern gemacht, konnte ihnen aber aus der Ferne und als Lagerinsasse nicht zur Seite stehen.
Johannas Schicksal ist deshalb so unverständlich, weil ihr Cousin und ihr Bruder beide zur Nazizeit in Berlin lebten und sie hätten unterstützen können. Tief geschockt überstand mein Großvater Hans den Krieg als kleiner Beamter mit seiner Frau Lisa und den Töchtern in der zerbombten Hauptstadt. Sohn Wolfgang (*1923) wurde 1941 zur Wehrmacht eingezogen und kam im sowjetischen Gefangenenlager von Schatura nur knapp mit dem Leben davon (4). Die Spur von Johannas Bruder Hans verliert sich seltsamerweise nach 1942. Was aus ihm geworden ist, ob er überlebt hat, warum er seiner Schwester nicht helfen konnte: das sind Fragen, die zur Zeit einer nicht spekulativen Antwort entbehren.

Der Konflikt


Wie anzunehmen ist, muss ein gravierender Konflikt den Bruch zwischen den Familien verursacht haben. Über dessen Natur kann ich jedoch nur spekulieren. Das einzige Material, das mir zur Verfügung steht, ist der 700seitige unveröffentlichte Roman Die Moabiterin meines Großvaters Hans, an dem er in der Nachkriegszeit lange Jahre gearbeitet hat. Die Erzählung umspannt die Zeit vom „Frühling 1913“ bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Daraus habe ich die vier Seiten zitiert, in denen die „Evakuierung“ der jüdischen Mitbewohner des Hauses in der Luitpoldstraße geschildert wird (siehe: Berlin, Oktober 1942). Hans erscheint dort als Ich-Erzähler und ohnmächtiger Zeuge. Mit einer kritischen Analyse könnte anhand der im Roman benutzten Referenzen (z.B. Posen, Wreschen) auch sein Bezug zur Familiengeschichte rekonstruiert und eventuelle Hinweise auf einen Bruch zwischen den Familien gefunden werden (5).

In den 1920er Jahren lebten Louis, seine Frau Anna und drei ihrer Kinder – Hans (*1883), Johanna (*1890) und Margarethe (*1898) – schon seit der Jahrhundertwende in Berlin. Auch der Bruder bzw. Onkel David erschien in der 1. Hälfte der 20er Jahre in den Adressbüchern (BAB) über die Berliner Vertretung seiner Gliesmaroder Kaempfer & Co (Hermsdorf, Bahnhofstraße 15, Telefonanschluss: Tegel 852). Und er besaß die berühmte Villa in Neubabelsberg, durch welche der „Skandal“ um Reichsbahndirektor Neumann am 3. April 1928 Schlagzeilen machte [hier], der von allen anderen Familienmitgliedern kaum übersehen werden konnte. – Als nun Davids Sohn Hans 1934 – also sechs oder sieben Jahre nach dem Konkurs der Kaempfer & Co – in Berlin ankam, lebten dort seit über dreißig Jahren Cousin Hans [!] und Cousine Johanna, die beide noch in Posen geboren, aber schon als Kinder mit den Eltern nach Berlin gekommen sind (6). Louis und Anna waren 1934 wohl nicht mehr am Leben. Aber David hätte auf die Berliner Verwandten hinweisen können, als sich sein Sohn Hans mit Frau und Kindern auf den Weg von Braunschweig nach Berlin machte. Oder waren die Cousins tatsächlich bis 1941/42 – also sieben oder acht Jahre lang – in der gleichen Stadt ansässig, ohne sich zu frequentieren oder gar voneinander zu wissen?

Wenn es ihn gegeben hat, könnte der vermutete Konflikt sowohl religiös – z.B. durch Davids „Mischehe“ –, als auch politisch – z.B. zwischen dem Militarismus des Fabrikanten David (7) und dem Pazifismus seines sozialistischen Neffen  [siehe: Hedwig und Richard Kaempfer] – bedingt sein. Oder war der Dissens schon älter? Hatte wie so oft Geld eine Rolle gespielt? Wurde eine Schuld nicht beglichen? 

Der „Ariernachweis“


Ich lese [hier]:

Als im September 1935 die sog. Nürnberger Rassengesetze ergingen, wurde der Ariernachweis für alle Bürger des Deutschen Reichs wichtig und alltäglich. Die Verordnungen zum Reichsbürgergesetz entzogen Juden Schritt für Schritt die Staatsbürgerrechte und machte[n] sie zu Bürgern zweiter Klasse. Das Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre verbot zudem Eheschließungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen. – Die nunmehr von Millionen Deutschen zu erbringenden „Ariernachweise“ führten zu einer Zunahme der Genealogie bzw. der scheinwissenschaftlichen „Sippenforschung“, die erst 1945 ihr Ende fand.

Diese genealogischen Bemühungen um eine „unverdächtige“ Abstammung und Vertuschung der Zugehörigkeit aller Familienmitglieder nach 1779 zur jüdischen Religion, welche durch die Posener Urkunden zweifelsfrei belegt wird, sind auch nach dem Krieg noch in Gerhard Petzolds Familiengeschichte („GPK“) und dem von ihm erstellten Stammbaum spürbar:

Fakt ist, dass mein Großonkel Friedrich Schrader nach Erlass der Nürnberger Gesetze im September 1935 beim Reichsministerium des Inneren einen gefälschten „Ariernachweis“ eingereicht und auch durchbekommen hat, der Davids fünf Kinder, die als „Halbjuden“ gegolten hätten, sowie seine Enkel vor möglichen Repressalien bewahrt haben. Bezeichnend in Gerhards Stammbaum sind die erwiesenermaßen falschen Angaben zu Emilie Lachmann (siehe dazu die 1. Posener Urkunde), das angeblich „unorthodoxe Judentum“ von Jakob und seinem Sohn Cohn, obwohl dessen Vorname Bände spricht, sowie die Ausdrücke „1/2-, 3/4- und 3/8-Jude“ (8).


Offene Fragen

  • Zuerst der schon erwähnte nicht geleistete Beistand in der Not und ein vermuteter, höchst rätselhafter Familienkonflikt, der vielleicht sogar dazu geführt hat, dass die Cousins nicht einmal voneinander wussten. Jedenfalls ist es schwer verständlich, dass mein Großvater Hans nie von den Kindern seines Onkels Louis, geschweige denn von Johannas Ermordung durch die Nazis gesprochen hat. Sicher ist, dass mein Vater Wolfgang darüber nicht unterrichtet war, sonst hätte er es mir spätestens im Interview erzählt.
  • Damit hängt auch das nicht geklärte Schicksal von Johannas Bruder Hans zusammen, über dessen Leben nach 1942/43 keine Informationen auffindbar waren. Hat der 1883 geborene älteste Sohn von Louis und Anna die Nazieit überlebt?
  • Auch das Leben von Johannas Bruder Emil in São Paulo bleibt geheimnisumwoben. Wir kennen sein Sterbedatum nicht, über das sogar die Gemeinschaft der Ornithologen spekuliert. 1949 besucht ihn sein 20jähriger Neffe Peter Enterlein, Sohn seiner jüngsten Schwester Margarethe, die nach dem Krieg in Hamburg gemeldet ist und 1959 ebenfalls eine Reise nach São Paulo unternimmt. 1955 wird Peter eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung für Brasilien ausgestellt, aus der hervorgeht, dass er in der Emil Kaempfer & Cia seines Onkels arbeitet. Ein rezenter Fund [siehe die Anm. 13 in: Emil und der Kaempferspecht] belegt, dass auch Margarethe eine sog. "Mischehe" mit Paul Enterlein eingegangen ist.
  • Rätselhaft ist ebenfalls das Ausharren von Georg und seiner Familie in Saarbrücken und Halle zur Nazizeit, obwohl doch die Maßnahmen gegen die jüdische Gemeinde immer brutaler wurden. War ihre Auswanderung unmöglich? Wollten sie wie so viele ihre Heimat nicht aufgeben? Hofften sie auf ein baldiges Ende des Terrors? Aber warum ist dann die älteste Tochter Inge – wahrscheinlich kurz vor Beginn des 2. Weltkrieges – nach Frankreich geflohen?
  • In diesem Zusammenhang habe ich erst vor kurzem die Spur einer am 23. Oktober 1902 in Breslau geborenen Tochter von Sigismund und Hedwig Deutsch, also einer Schwester von Georg gefunden, die 1935 oder später von Hamburg nach New York gekommen ist und allem Anschein nach bei ihrer Einwanderung von Georgs Bruder Hugo (1869-1952) unterstützt wurde. Der Onkel war schon 1886 von Posen in die USA ausgewandert und lebte 1940 mit seiner Familie in Mount Vernon City bei New York, wo er anscheinend auch seiner Nichte ein Quartier als Hausdame bei einer Familie Hagmann beschaffte. Er war es, der den Tod der Frances Kaempfer am 10. Januar 1943 in der Jewish Consumption Relief Society (Denver, Colorado) meldete [siehe die Anm. 12 auf Georgs Seite]. Ich frage mich, warum die Tochter von Sigismund und Hedwig Deutsch den Namen Kaempfer trug und wofür der offensichtlich amerikanisierte Vorname Frances stand. Bei der 1940er Volkszählung gab sie an, verheiratet zu sein und bei ihrem Tod wird sie als "Witwe" geführt. Ist sie eine Scheinehe eingegangen? Aber mit wem? Kein mir bekanntes, in den USA lebendes Familienmitglied ist zwischen 1940 und 1943 gestorben. Und nach meinen bisherigen Ermittlungen hatten Sigismund und Hedwig neben Sohn Helmut (1894-1942) nur eine einzige, 1896 geborene Tochter Ruth, von der ich jedoch nur das vielleicht inkorrekte Geburtsdatum kenne [Quelle]. Auch ist sie offensichtlich nicht wie ihr Bruder und ihre Mutter nach Theresienstadt deportiert und ermordet worden.
  • Nicht zuletzt stellt sich die Frage nach den genauen Umständen der Verhaftung von Ludwig Kaempfer (1901-1947) durch die Gestapo, seiner Entlassung acht Monate später aus Buchenwald und seiner Flucht nach England kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges. Ferner ist unklar, wie er nach mehreren Jahren der Internierung als enemy alien in Kanada gelebt hat und warum er so früh in Montréal gestorben ist. Überhaupt ist das kurze Leben des Sohns von Paula und Gustav ziemlich mysteriös. Er hat ohne Zweifel die 1925 in den Abwehrblättern erschienene kritische Buchbesprechung über Hitlers Mein Kampf verfasst. Allerdings wird ihm die Autorenschaft dieses heute noch zitierten Artikels aus einem unzutreffenden Grund aberkannt und zudem attestiert Yad Vashem fälschlicherweise seine Ermordung in Buchenwald (9).

Conclusio

 
Wenn ich diese, Georg Kaempfer geschuldete Recherche in ihrer jetzigen Form betrachte, meine ich, einige Sachen klargestellt zu haben. Da jedoch viele Fragen offen bleiben, ist auch keine Konklusion im strengen Sinne möglich. Sie würde nur durch Spekulationen und Mystifikationen die Lücken stopfen, die wie ein Abgrund in dieser Familiengeschichte klaffen. Nur durch die Befragung der Nachkommen oder Auffindung von Briefen und anderen persönlichen Dokumenten könnten wir hier etwas mehr erfahren. Nun sind Familiengeschichten gar oft Legenden, die aus einer ethischen Bewertung und Idealisierung a posteriori entstehen. Man kann sie mit dem Archetypus dieser Erzählform – der Odyssee – vergleichen. Darin ist die Rede von Heldentum, Exil, Widerstand, List und Heimkehr. Aber die Sache kann auch umgekehrt und das Opfertum in den Vordergrund gestellt werden. Im wirklichen Leben jedoch gibt es hier wie dort eine Grauzone, die es wider aller – negativer oder positiver – Verklärung zu erforschen gilt. Dabei ist das binäre Täter-Opfer-Schema nicht hilfreich, wenngleich es erwiesene Opfer und Täter gibt. Aber die sind ja bekannt: Von ihnen erzählt die "Große Geschichte", die so oft das Alltagsleben und die Verstrickungen der einzelnen Menschen vergisst (10).


Am Ende dieser Recherche bleibt das Leben von Georg Kaempfer und seiner Familie weiterhin rätselhaft: Warum ist er bis zum 28. September 1939 in Saarbrücken und nach der Zwangsumsiedlung bis zum fatalen 1. Juni 1942 in Halle geblieben? Glaubte er auch nach der Zerstörung der Saarbrücker Synagoge im November 1938 noch an eine Änderung der Verhältnisse? Aber wenn Herta, Evelyne, Marion und er in Deutschland ausgeharrt haben, warum ist dann die älteste Tochter Ingeborg geflohen? Unter dem Namen Ilana Warenhaupt hat sie bis 1977 in Israel gelebt. Über ihre Nachkommen wäre es vielleicht möglich, eine Antwort auf diese Fragen zu erhalten. Immerhin: Auf der Suche nach Georg haben wir seine weitverzweigte Familie – die "Posener Kaempfers" – kennen gelernt. Und wir haben ein Bild von ihm gefunden. Es stammt bestimmt noch aus der guten alten Zeit:




Was aber bleibt von damals im Vergleich zur heutigen Flut persönlicher Daten: hier ein Foto, dort eine Geburts- oder Heiratsurkunde, eine Adresse und Berufsbezeichnung, bisweilen ein Grabstein? Was bleibt von den Bindungen, die man "Familie" nennt? – Die Vorfahren aus Wreschen und Posen waren zumeist Kaufleute: Tuch- und Spezereiwarenhändler (Adolph Phillip), Kurzwarenhändler und Pfandleiher (Isaac), Buchhalter und Kommisionnär (Paul), Schneidermeister (Cohn) und Weißwarenhändler (Louis). Dank der lukrativen Geschäfte der Väter konnten einige Söhne studieren und sogar promovieren (Felix, Gustav, David), andere verdingten sich weiterhin als Kaufleute an den verschiedensten Orten: Bürsten und Scheuertücher in Berlin (Louis), Trikotware (bonneterie) in Saarbrücken (Georg), Beinbekleidung (hosiery) in Manhattan (Max), Textilien (dry goods) in Brooklyn und Zigarren (cigar manufacturing) in Queens (Jacob), Weinhandlung in San Francisco (Moritz / Morris), metallverarbeitende Werkzeuge in São Paulo (Emil). Waren es die berühmten "geschäftlichen Beziehungen" die einerseits die Verbindungen aufrechterhielten und sie andrerseits durch den zermürbenden Konkurrenzkampf strapazierten? Waren es die sogenannten "Mischehen", die dem jüdischen Partner das Überleben in Zeiten des Rassenwahns ermöglichten, ihn aber gleichzeitig von den Traditionen abschnitten, die den Zusammenhalt der Wreschener und Posener Familien gewährleistet hatten?


Anstelle eines Nachwortes


Im massiven Trauma des "Großen Krieges" ging die Alte Welt unter, und mit ihr die Heimat in der Provinz Posen. Die Russische Revolution erweckte bei den einen, die Weimarer Republik bei anderen neue Hoffnungen, doch sehr bald machten sich Diktaturen breit und die Bevölkerung wurde von den neuen Herrschaftskasten terrorisiert, bis diese knapp ein Vierteljahrhundert nach den Materialschlachten des Ersten Weltkrieges einen industriellen Massenmord entfachten, wie ihn die Menschheit noch nie gesehen, ja nicht einmal für möglich gehalten hatte. – Unter diesen Umständen gab es zwar Solidarität, aber im Endeffekt musste jeder Bedrohte sehen, wo er blieb, wie er sich mit dem Regime arrangieren, fliehen oder untertauchen konnte. Es ist nicht schwer zu verstehen, dass dabei die Familienbeziehungen auf einen harten Prüfstein gestellt wurden. Verdrängung, Indifferenz und vor allem maßlose Angst bestimmten das Verhalten desjenigen Teils der Bevölkerung, der dem neuen Regime zwar nicht zugejubelt, es aber auch nicht von vornherein verdammt hatte. Nur wenige hatten den Mut, ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, um anderen – Bekannten oder Unbekannten – zu helfen, wie der schon erwähnte Cäsar Hartbrot in Berlin-Hermsdorf [siehe: Johanna und die Berliner].


Aber wie konnten so große Menschenmengen in den Tod getrieben werden, ohne dass sie revoltierten? Es gab zwar Aufstände im Warschauer Ghetto, in Treblinka, in Sobibór und zahlreiche Widerstandsbewegungen überall in Europa, aber erst die britisch-amerikanischen und sowjetischen Armeen setzten der Naziherrschaft ein Ende, die im Zuge des von ihr entfachten Weltkrieges zwischen 55 und (nach neuesten Schätzungen) 65 Millionen Opfer gefordert hat: Schier unvorstellbare Zahlen! – Das Verhalten der Deportierten wird so erklärt, dass sie bis zuletzt nicht wussten, was sie erwartet. Aber ich bin sicher, dass sie es ahnten. Als sie in den Todeslagern ankamen, war es zu spät. Und vorher? Wenige konnten sich retten: In Paris habe ich einen Fotografen namens Hans Rosenblum ("Jean Rose") aus Preßburg (heute Bratislava) kennen gelernt, der rechtzeitig aus einem Güterzug gesprungen ist (11). Es wird berichtet, dass es zahlreiche Selbstmorde auf dem Weg zu den "Sammelstellen" gab. Und anstatt sich dort einzufinden, sind einige untergetaucht: In Berlin sollen es 7000 Menschen gewesen sein, von denen 1700 überlebt haben. Unter Ihnen der spätere Fernsehmoderator Hans Rosenthal (1925-1987).


Wie also konnte so etwas passieren? Historiker antworten mit gelehrten Erklärungsversuchen eines Geschehens, das die menschliche Vorstellungskraft übersteigt. Obwohl Völkermorde seit Urzeiten und auch nach Ende des 2. Weltkrieges bis zum heutigen Tage verübt werden, bleibt die wichtigste Frage offen: Wie konnte es die deutsche Bevölkerung zulassen, dass ihre angestammten Mitbürger zu Millionen von einer wahnwitzigen und brutalen Regierung erpresst, gedemütigt, ausgeplündert, verschleppt und ermordet wurden? Welch absurde Essentialisierungen von Teilen der Bevölkerung, die als "Juden", "Zigeuner", "Kommunisten", "Homosexuelle" stigmatisiert und ausgegrenzt wurden, wie viele propagandistische Lügen waren nötig, um das biedere deutsche Volk derart gefügig und hörig zu machen? – Natürlich spielten die späte Deutsche Einheit (1871), die Reflexe des Obrigkeitsstaates und die darauf folgende als "Chaos" empfundene Zeit der Weimarer Republik, die Auflagen des Versailler Vertrages, die Wirtschaftskrisen und die steigende Arbeitslosenzahl eine Rolle. Hinzu kommt die maßlose politische Naivität sowohl der linken, als der rechten Parteien, die schließlich durch die Zerstörung der ersten deutschen Demokratie zu einer präzedenzlosen totalitären Herrschaft geführt hat (12).


Man merkt aber, dass all diese Faktoren und gravierenden Umstände keine befriedigende Antwort auf unsere Frage geben, auch wenn man die vergangenen und zeitgenössischen, auf allen Kontinenten dieser Erde verübten Völkermorde, oder den Territorialismus der Sesshaften und ihren Hass auf die Nomaden, die Besitz- und Heimatlosen, die "Andersartigen", sowie den sich als roter Faden durch die Menschheitsgeschichte ziehenden kriegerischen Raub fremden Landes und die damit einhergehenden Überlegenheitsideologien und größenwahnsinnigen Rationalisierungen betrachtet. Der von den Nazis systematisch durchgeführte, industriell betriebene Massenmord und die Haltung eines beträchtlichen Teils der deutschen Bevölkerung, die zwar nicht unmittelbar daran beteiligt gewesen ist, der aber durch ihre wie auch immer begründete Indifferenz oder stillschweigende Duldung zumindest "unterlassene Hilfeleistung" vorgeworden werden könnte, bleibt unerklärlich, vielleicht sogar unerklärbar. Allerdings sollte hier die von den Nazis praktizierte Essentialisierung des "Deutschen Volkes" nicht wiederholt werden. In Zeiten der Gewaltherrschaft werden die meisten Menschen überall auf der Erde mürbe und gefügig gemacht. Auch der so genannte "Antisemitismus" (13) ist keine deutsche Erfindung, sondern das Resultat einer jahrhundertelangen, wenn nicht tausendjährigen christlich-abendländischen Entwicklung. Dies soll keineswegs als Entschuldigung gelten, sondern verleiht unserer Frage eine zusätzliche Dimension: Wie konnte ein so bestialischer Ausbruch auf deutschem Boden stattfinden? Als Mein Kampf erschien, schrieb Ludwig Kaempfer voller Zuversicht (14):
"Man legt Hitlers Buch mit einem Gefühl der Befriedigung beiseite: Solange die völkische Bewegung keine anderen Führer an ihre Spitze zu stellen weiß, solange werden noch manche Wasser ins Meer fließen, bis sie im Land der Dichter und Denker siegen wird."
Acht Jahre später war es dann soweit.




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Anmerkungen

(1) Hugo lebte bis 1952 mit seiner Familie in einem New Yorker Vorort (Mount Vernon City). Emils Sterbedatum ist derzeit nicht bekannt, jedoch hatte er nach dem Krieg (1947) eine Geschäftsreise in die USA unternommen. Der Beweggrund der Reise seiner Schwester Margarethe Enterlein im Jahr 1959 nach Brasilien, wo ihr Sohn Peter seit 1949 im Geschäft des Onkels mitarbeitete, könnte hier weiterhelfen. Zur Zeit aber können wir darüber nur spekulieren.
 
(2) Dazu dieser Beleg aus dem "Archiv der Breslauer Synagogengemeinde" (um 1930) [hier]:

(3) Ein neuerer Fund bestätigt, dass Hugo (1869-1952) geholfen hat. Er stand offentsichtlich einer Tochter von Georgs Schwester Hedwig bei ihrer Einwanderung aus Hamburg (1935 oder später) und ihrer Etablierung in den USA zur Seite. Siehe dazu die Anm. 12 der "Suche nach Georg". Diese Information bezeugt auch, dass die Familien zur Nazizeit in Kontakt waren.

(4) Mein Vater erzählt seine Kriegszeit im 2. Teil des Interviews, das ich 2008 mit ihm geführt habe. Dieser Teil unseres Gesprächs ist äußerst interessant: https://vimeo.com/191357064

(5) Diese noch ausstehende kritische Analyse ist eine Arbeit für sich und würde den Rahmen der vorliegenden Recherche sprengen. Hinzu kommt, dass eventuelle Befunde oder Resultate auf keinen Fall die Beweiskraft und den Stellenwert eines offiziellen Dokuments oder auch nur eines Briefes haben. 

(6) 1898 kam dann in Berlin die jüngste Schwester Margarethe zur Welt. Auch sie war 1929 in der Stadt, als sie ihren Sohn Peter Enterlein bekam [siehe: Emil und der Kaempferspecht]. Und 1931 erscheint sie m. E. noch als Grete Kaempfer im „Jüdischen Adressbuch“ bei Mutter Anna in der Witzlebenstraße 12a, wo auch ihr Bruder Hans gemeldet ist, der bis 1933 unter der gleichen Adresse im BAB steht [siehe: Johanna und die Berliner].  

(7) Siehe hierzu die Ausführungen von Gerhard und mein Kommentar unter : David Kaempfer 

(8) Diese Bemerkungen sollten nicht als moralische, sondern nur als sachliche Kritik an Gerhards stellenweise sehr aufschlussreichem Familienbericht verstanden werden. Es erhellt daraus lediglich, dass auch in der Nachkriegszeit noch Spuren der rassistischen Nazi-Genealogie zu finden sind, die hier trotz des Zusatzes „nach den Nürnberger Gesetzen“ mitschwingen, ohne dass dies dem Autor bewusst ist. Auch vermischt Gerhard Informationen und Spekulationen, wenn er schreibt:

Bemerkenswert sind die Ausdrücke "Mischehe" und "jüdische Taufe". Letzterer verrät die Unkenntnis der jüdischen Religion...

(9) Ich habe der Gedenkstätte eine Nachricht geschrieben, um eine Korrektur des Eintrags zu erwirken.

(10) An dieser Stelle sei ein kurzer philosophischer Exkurs gestattet: Martin Heidegger (1889-1976), NSDAP-Mitglied von 1933 bis 1945, konstruiert eine "ontologische Differenz" zwischen dem negativ bewerteten "alltäglichen Dasein" der Menschen und ihrer "eigentlichen Existenz", der er ein höchst suspektes "Sein zum Tode" zuspricht (*). Der dazugehörige Begriff der "Entscheidung" spielt in seiner "Existenzial-Ontologie" eine führende Rolle. Ein geübtes Auge erkennt darin ein Stück dezisionistischer Nazi-Ideologie (wie z.B. Christian Graf von Krockow, Die Entscheidung. Eine Untersuchung über Ernst Jünger, Carl Schmitt, Martin Heidegger, Stuttgart 1958). Auf dem "ontologisch" fundierten Boden dieser "Differenz" konnte dem "alltäglichen Dasein" jede Persönlichkeit, jede "Eigentlichkeit" – und ipso facto jede "Entscheidung", jeder Widerstand gegen das Regime – abgesprochen werden, um schließlich dem vom Deutschen Staat bar jeder Vernunft und Menschlichkeit organisierten "Sein zum Tode" zum Opfer zu fallen. Dafür hatte auch Heideggers Abkehr vom modernen Subjekt des Humanismus und der Menschenrechte bedeutende ideologische Vorarbeit geleistet.
(*) Die Ausdrücke in Anführungszeichen stammen zumeist aus seinem Hauptwerk Sein und Zeit, erschienen 1927 im 8. Band des von seinem Lehrmeister Edmund Husserl (1859-1938) herausgegebenen Jahrbuchs für Philosophie und phänomenologische Forschung. Heideggers Freiburger Rektoratsrede (27. Mai 1933) knüpft zum Teil an diese – und in Was ist Metaphysik? (1929) zusammengefassten – Gedanken an. Der Nazismus von Heidegger ist erwiesen, wenn auch hier eine Grauzone bestehen mag. – Für das "Sein zum Tode" steht der Totenkopf der SS-Schergen. Und in der Nazizeit gab es Todeskandidaten en masse. Ob die Willigen unter ihnen Sein und Zeit gelesen haben, bleibe jedoch dahingestellt...

(11) Es könnte sein, dass er als Jano Rosenblum in einem englischsprachigen Bericht über das Leben von Abraham Pressburger erscheint [hier]. Ich glaube mich zu erinnern, dass er sich in Wäldern und Bergen versteckt hielt, bevor er (wohl erst nach dem Krieg) nach Paris kam, wo er in der Rue du Château d'Eau einen kleinen Fotoladen (Photo Jeanrose) hatte. Er träumte von einem Opernfilm über namhafte Komponisten, die sich im Himmel begegneten...

(12) Ich erinnere an die Wahlergebnisse der letzten freien Wahlen im November 1932:

Somit erhielt die NSDAP ein Drittel der abgegebenen Simmen (mit einem Verlust von 4,2% im Vergleich zu Juli 1932). KPD und SPD lagen zusammen bei 37,3%. Wie erst vor kurzem bekannt wurde, verbat Moskau der deutschen KPD kategorisch, eine Koalition mit der SPD einzugehen. Auf Seiten der Rechten dachte man, H. im Zaum halten oder sogar unschädlich machen zu können, was sich schon 1933 und spätestens 1934 als schlimmste Fehlkalkulation in der Geschichte der Demokratie herausstellen sollte. Es ist hier nicht der Ort den Aufschwung der "National-Sozialistischen Arbeiterpartei" zu besprechen, die erst 1930 auf einen Stimmanteil von 18,3% kam (1928: 2,6%) und deren Zuwachs auch mit der explodierenden Arbeitslosenzahl zusammenhängt (1928: 1,5 Mio, 1930: 3 Mio, 1932: 5,5 Mio).

(13) Der semantisch inkonsistente Ausdruck "Antisemitismus" wurde sehr wahrscheinlich von dem deutschen Journalisten Wilhelm Marr (1819-1904) geprägt, der 1879 die "Antisemitenliga" in Berlin gründete. Einer der Höhepunkte der Hetze gegen die Bürger der jüdischen Gemeinden um die Jahrhundertwende war ohne Zweifel die "Dreyfus-Affäre".

(14) In den Abwehrblättern 35.Jg.Nr. 19/20 vom 20.10.1925 [pdf].


Stefan Kaempfer, Februar 2020